Die Zukunft des Essens in der Stadt

Anlässlich der Ausstellung »Food Revolution 5.0« im Kunstgewerbemuseum, die sich mit der Zukunft des Essens beschäftigt, fand im Rahmen des Sommer Food Markts am 22. Juni ein Gespräch mit der Berliner Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antirassismus Margit Gottstein über die Ernährungsstrategie des Landes statt. Die Veranstaltung traf bei über 20 Besucherinnen und Besuchern auf reges Interesses.

Die Ernährungsstrategie des Landes Berlin geht auf eine Festlegung im Koalitionsvertrag der drei Regierungsparteien zurück. Bereits in der letzten Legislatur ist das Land Berlin dem Milan Urban Food Policy Pact beigetreten, mit dem sich die Unterzeichner zur kommunalen Verantwortung für die Ernährung ihrer Bürgerinnen und Bürger bekennen, und es hatte erste Initiativen zur Begründung einer kommunalen Ernährungspolitk in Berlin gegeben. Dazu hatte entscheidend auch der zivilgeschaftliche Berliner Ernährungsrat beigetragen.

Dass Städte sich um die Ernährung ihrer Bürgerinnen und Bürger kümmern, ist für uns heute ungewohnt, aber historisch gar nicht neu. Immer schon gab es kommunale staatliche Infrastrukturen für die Versorgung mit Lebensmitteln in Städten, etwa die Wochenmärkte, Großmärkte, Schlachthäuser, Eierspeicher, Kühl-, Logistik-, Transport- und Lager- bzw. Notversorgungseinrichtungen – bis hin zu den täglichen Milchrationen für Schulkinder.

In der Gegenwart sind es die Sorge um die prekäre Versorgung von Megastädten oder auch die Klimaauswirkungen von Landwirtschaft, Produktion, Handel und Konsum von Lebensmitteln auf die Städte, die das Thema aktuell machen. In unseren Breiten spielt in den städtische Ballungsräumen der Zugang zu guten, gesunden und nachhaltig hergestellten Lebensmitteln aus den jeweiligen Regionen eine wichtige Rolle, ebenso die Stärkung der regionalen Kreislaufwirtschaft, die Einflußnahme auf den Tierschutz oder die Minimierung von Lebensmittelverschwendung auf dem Acker und im Handel.

Das System »Ernährung« gilt international längst auch als kommunale Aufgabe. In Deutschland stehen die Städte hier erst am Anfang.

Staatsseketärin Gottstein erläuterte in der Veranstaltung, dass man in der Umsetzung der Berliner Koalitionsfestlegung bereits ein gutes Stück vorangekommen sein. So habe man nach einer Ausschreibung ein junges Berliner Unternehmen mit der fachliche Begleitung der Ausarbeitung eines ernährungspolitischen Konzeptentwurfs und ein weiteres Institut mit der Prozessbegleitung beauftragt. Inzwischen seien rund 30 Stakeholder aus unterschiedlichen Bereichen in regelmäßige Dialoge und Plenartreffen eingebunden. Bis Jahresende seien erste Ergebnisse zu erwarten.

Weiterhin wurden, erläuterte Gottstein, bereits Mittel für ein künftiges House of Food nach Kopenhagener Vorbild in den Landeshaushalt eingestellt. Die Institution soll der Fortbildung in der Gemeinschaftsverpflegung dienen, einem zentralen Feld kommunaler Ernährungspolitik, da hier sehr viele Menschen verpflegt werden. Es gehe darum, was täglich in Kitas, Schule, Mensen und Kantinen in die Töpfe und auf die Tellern komme, woher es komme und in welcher Qualität.

In Kopenhagen sei es modellhaft gelungen, nicht nur den Bio-Anteil in der Gemeinschaftsverpflegung signifikant zu erhöhen, sondern auch mit mehr hochwertigen und regionalen Rohstoffen die Qualität und Akzeptanz der Gerichte zu steigern, die Rezepte zu verbessern, gesünderes Essen anzubieten, aber auch die komplexen Abläufe der Gemeinschaftsverpflegung zu optimieren und mehr frisch vor Ort zu kochen, ohne dass dies mit hohen Kostensteigerungen verbunden sei. Das House of Food in Kopenhagen sei zugleich auch eine wichtige Bildungseinrichtung im Hinblick auf Ernährungswissen und -praxis, Lebensmittelherstellung, Landwirtschaft u.v.m. Von diesen Erfahrungen könne Berlin profitieren, so Gottstein.

Wichtig war Staatssekretärin Gottstein die sozialräumliche Dimension einer Berliner Ernährungsstrategie. Diese dürfe sich nicht allein im Innenstadtbereich abspielen, etwa in der Markthalle Neun und ähnlichen Orten, sondern müsse sich vor allem auch an den Menschen in den großen, bevölkerungsstarken Außenbezirken und somit der ganzen Stadt orientieren.

Ein weiterer Aspekt des Gesprächs war die Bedeutung es Landes Brandenburg für das Gelingen einer Berliner Ernährungsstrategie. Bislang kommen, wie vielfach in der Öffentlichkeit beklagt, zu wenig Bio-Lebensmittel aus der Region in die Hauptstadt, obwohl diese einer der größten Abnehmer in Europa ist. Zudem ist die Wertschöpfung durch Verarbeitung in der Lebensmittelwirtschaft der Region vergleichsweise gering. Nach wie vor steht Brandenburg für Weltmarktorientierung und Masse statt Klasse. Gottstein zeigte sich optimistisch, dass das Land Brandenburg seine Chancen erkennen werde. Dies hätten bereits eine Reihe von Gesprächen gezeigt. Das Thema spiele auch in der aktuellen Enquete des Landtages Brandenburg eine Rolle.

Diskutiert wurde in der Runde über die Aufgabe und Ausgestaltung des geplanten House of Food, die Bedeutung der Essenszubereitung vor Ort in Schulen und Kitas, die Möglichkeiten eines Unterrichtsfach zu Kochen und Ernährungswissen, die anzustrebende Qualität der Essensangebote und die ernährungspolitische Gesamtstrategie in einer Großstadt wie Berlin.

Die Grünen-Politikerin Gottstein appellierte abschließend an die Food-Aktiven in Berlin, weiterhin aktiv zu bleiben, nicht zurückgelehnt auf Ergebnisse zu warten, sondern sich einzubringen und selbst den Prozess in der Stadt voranzutreiben, die vorhandene Vielfalt der Aktivitäten, Initiativen, Berufe, Gewerke und Unternehmen produktiv zu nutzen und zur Stärke einer neuen urbanen Ernährungsbewegung zu machen.

Moderation und Bericht: Udo Tremmel